Seit Jänner 2026 gibt es in Österreich einen neuen, kostenfreien Weg zu professioneller psychologischer Hilfe. Die klinisch-psychologische Behandlung, umgangssprachlich oft "Psychologe auf Krankenschein" genannt, ist erstmals eine voll finanzierte Kassenleistung. Du gehst nicht mehr in Vorleistung und zahlst nichts aus eigener Tasche. Die Anmeldung läuft zentral über die Servicestelle unter der kostenlosen Nummer 0800 10 02 03 (Montag bis Freitag, 9 bis 17 Uhr) oder online über psyhelp.at. Dieser Beitrag erklärt, wer Anspruch hat, wie die Anmeldung Schritt für Schritt funktioniert und wie sich diese Leistung von der Psychotherapie unterscheidet.
Was 2026 neu ist
Bis vor Kurzem mussten Menschen, die eine klinisch-psychologische Behandlung wollten, diese in der Regel selbst bezahlen. Seit Jänner 2026 gibt es einen bundesweiten Gesamtvertrag zwischen dem Berufsverband Österreichischer Psycholog:innen (BÖP) und den Trägern ÖGK, SVS und BVAEB, der die Behandlung als Sachleistung auf Kasse möglich macht. Österreichweit stehen dafür rund 120.700 Behandlungseinheiten zu je 50 Minuten pro Jahr zur Verfügung. Die Plätze werden nach dem tatsächlichen Bedarf vergeben, nicht nach dem Prinzip "wer zuerst kommt".
Klinische Psychologie oder Psychotherapie?
Beide helfen bei psychischen Belastungen, sind rechtlich und inhaltlich aber unterschiedlich. Klinische Psycholog:innen sind nach dem Psychologengesetz ausgebildet und auf Diagnostik mit standardisierten Testverfahren sowie auf gezielte, oft kürzere Behandlungen spezialisiert. Psychotherapie folgt einem eigenen Gesetz, dauert meist länger und arbeitet stärker prozess- und beziehungsorientiert. Welche Form für dich passt, hängt von deinem Anliegen ab. Eine ausführliche Gegenüberstellung findest du in unserem Beitrag zu den Unterschieden zwischen Psychotherapie, Psychologie und Beratung.
Hier die drei Berufe im schnellen Überblick.
- Klinische Psychologie: Schwerpunkt auf Diagnostik mit Testverfahren und gezielter, oft kürzerer Behandlung. Seit Jänner 2026 auf Kasse über die zentrale Servicestelle.
- Psychotherapie: längerer, prozess- und beziehungsorientierter Behandlungsweg nach dem Psychotherapiegesetz, mit eigenen Kassen- und Zuschussregelungen.
- Psychiatrie: ärztliche Fachrichtung, die als Einzige Medikamente verordnen darf und oft ergänzend zu Psychologie oder Psychotherapie wirkt.
Wer hat Anspruch?
Anspruch haben grundsätzlich alle Versicherten der drei großen Träger, also der Österreichischen Gesundheitskasse (ÖGK), der Sozialversicherung der Selbständigen (SVS) sowie der Versicherungsanstalt öffentlich Bediensteter, Eisenbahnen und Bergbau (BVAEB). Voraussetzung ist eine psychische Befindungsstörung, die im sozialversicherungsrechtlichen Sinn als Krankheit gilt. Mitversicherte Angehörige und Kinder sind ebenfalls erfasst. Bestimmte Diagnosen sind ausgenommen, etwa eine reine Intelligenzminderung oder umschriebene schulische Lernstörungen.
Auch für Kinder und Jugendliche?
Ja. Das Angebot gilt für Menschen jeden Alters, also auch für Kinder und Jugendliche, sofern eine behandlungsbedürftige psychische Belastung vorliegt. Bei Minderjährigen melden in der Regel die Eltern oder Erziehungsberechtigten den Bedarf bei der Servicestelle an. Gerade bei jungen Menschen ist eine fundierte klinisch-psychologische Abklärung oft ein hilfreicher erster Schritt.
Was kostet die Behandlung?
Für dich nichts. Es handelt sich um eine Sachleistung, das heißt, die Krankenkasse rechnet direkt mit der behandelnden Person ab. Anders als beim Kostenzuschuss für eine Wahltherapie musst du also keine Rechnung vorstrecken und keinen Teilbetrag selbst tragen. Wie die Kostenmodelle bei der Psychotherapie im Vergleich aussehen, erklären wir im Beitrag Was kostet Psychotherapie in Österreich.
So meldest du dich an
Der Zugang ist bewusst niederschwellig gestaltet und läuft über eine zentrale Servicestelle. Die Anmeldung gelingt in drei Schritten.
- Schritt 1: Melde dich bei der Servicestelle, telefonisch unter 0800 10 02 03 (Montag bis Freitag, 9 bis 17 Uhr) oder online über psyhelp.at.
- Schritt 2: Dein Anliegen wird kurz erfasst, und es wird geprüft, ob ein Behandlungsbedarf im Sinne der Krankenversicherung vorliegt. Danach wird dir ein Behandlungsplatz bei klinischen Psycholog:innen in deiner Region vermittelt.
- Schritt 3: Spätestens vor der zweiten Behandlungseinheit im selben Abrechnungsquartal weist du eine ärztliche Untersuchung nach, die organische Ursachen ausschließt. Dafür genügt in der Regel die Hausärztin oder der Hausarzt.
Was passiert bei der ersten Sitzung?
Am Anfang steht meist eine klinisch-psychologische Abklärung. In einem ausführlichen Gespräch, oft ergänzt durch standardisierte Testverfahren, wird erfasst, worum es geht und was du brauchst. Daraus ergibt sich ein konkreter Behandlungsfokus. Anschließend arbeitet ihr zielgerichtet an deinem Anliegen, etwa an Ängsten, depressiven Beschwerden, Stressbelastung oder den Folgen einer schwierigen Lebenssituation.
Wie viele Sitzungen bekomme ich?
Eine fixe Stundenzahl ist nicht pauschal festgelegt, die Behandlung richtet sich nach dem individuellen Bedarf. Klinisch-psychologische Behandlung ist typischerweise kürzer und stärker fokussiert als eine Psychotherapie und umfasst Einheiten zu je 50 Minuten. Reicht der Bedarf darüber hinaus, wird das im Verlauf gemeinsam mit der behandelnden Person und der Kasse geklärt.
Wie lange ist die Wartezeit?
Das neue Angebot soll Wartezeiten verkürzen, weil es zusätzliche, voll finanzierte Kapazitäten schafft. Trotzdem ist die Nachfrage hoch, und die Plätze sind begrenzt. Wenn du nicht warten möchtest, lohnt sich der Blick auf parallele Wege, etwa eine Wahltherapie mit Kostenzuschuss oder Online-Angebote. Konkrete Alternativen findest du in unserem Beitrag Kein Kassenplatz frei? Wartezeit und leistbare Alternativen.
Wann die klinische Psychologie passt
Die klinisch-psychologische Behandlung auf Kasse ist besonders interessant, wenn du eine klare Fragestellung hast, eine fundierte Diagnostik brauchst oder eine fokussierte, zeitlich überschaubare Begleitung suchst, ohne in Vorleistung zu gehen. Geht es dir um eine längere, tiefergehende Aufarbeitung, kann eine Psychotherapie die bessere Wahl sein. Häufig ergänzen sich beide. Welche Schiene die richtige ist, lässt sich auch im Vergleich Kassenplatz, Wahltherapie oder Selbstzahler abwägen.
Den nächsten Schritt gehen
Wenn du gerade überlegst, dir Unterstützung zu holen, ist der wichtigste Schritt, überhaupt anzufangen. Für einen kassenfinanzierten klinisch-psychologischen Platz wendest du dich an die Servicestelle unter 0800 10 02 03 oder an psyhelp.at. Wenn du parallel eine:n passende:n Therapeut:in suchen möchtest, kannst du über unser Matching gezielt nach Schwerpunkt und Verfügbarkeit filtern.


